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Reutlinger GEA vom 23.02.2007

Planie 22 - Erst großer Wirbel mit Investorenwettbewerb, dann Stille: Wann und wohin kommt die Theaterfabrik? Lieber Heinzelmann als Wendler

 

VON HEIKE KRÜGER

REUTLINGEN. Es war einmal eine riesige Bugwelle. Ausgelöst wurde sie von der Stadtverwaltung, die sich anschickte, dem ehemaligen Heinzelmann-Areal ein neues Gesicht zu geben und mit diesem Ansinnen ein mittleres Oststadtbeben initiierte: Den Mietern der Planie 22 wurde nahe gelegt, sich andere Räumlichkeiten zu suchen, das Reutlinger Theater die Tonne und das Naturkundemuseum bangten um ihre Zukunft, die Fraktionen des Gemeinderats überlegten laut, wie sich der historische Fabrikhallenkomplex zwischen Urbanstraße und Planie optisch und funktional verändern ließe und die Bürgerinitiative »Ilos« forderte die Aufstellung eines städtebaulichen Rahmenplans. All dies begab sich im Sommer 2004.

Ungefähr ein Jahr und zahllose Diskussionen später folgte dann eine scheinbar zielführende Gemeinderatssitzung: Ein doppelgleisiger Investorenwettbewerb, so die Entscheidung des Stadtparlaments, sollte ausgelobt werden - einmal unter Berücksichtigung der zweiten Tonne-Spielstätte und einmal ohne. Wobei man die kleine Reutlinger Bühne auf keinen Fall im Regen stehen lassen wollte. Sollte sie trotz der ihr entgegengebrachten Sympathien weichen müssen - dieser Passus wurde zu Protokoll gebracht - würde die Stadt bei der Suche nach einem adäquaten Alternativstandort helfen.

Keine Namensnennung

Nun, im Januar 2006 lief die Bewerbungsfrist für den Investorenwettbewerb ab. Fünf potenzielle und bis heute namentlich unbekannte Interessenten hatten sich gerührt und Vorschläge für die künftige Verwendung und Gestaltung der Planie 22 eingereicht. »Darunter auch drei Reutlinger Bauträger«, wie aus dem Wirtschaftsamt verlautete. Mehr wollte die Verwaltung in Person des damaligen kommissarischen Amtsleiters Richard Buxton - nicht rauslassen. Eine Sondierungsphase sei vonnöten, hieß es an die Adressen von Gemeinderat und Medien. Man möge sich gedulden. In drei, spätestens vier Monaten, also im März oder April 2006, sei das Thema reif für den Gemeinderat.

Neun Monate später

Mittlerweile sind neun Monate verstrichen. Die große Bugwelle hat sich verflüchtigt. Und nach Aussage mehrerer Kommunalpolitiker liegen dem Gemeinderat noch immer keine konkreten Auskünfte vor. Auch die Presse beißt auf Granit. Wiewohl die Suche nach einem Alternativ-Standort fürs Tonne-Theater bereits in Angriff genommen wurde. »Klammheimlich«, wie die WiR-Fraktion noch im Herbst zurückliegenden Jahres durchaus provozierend monierte - ohne freilich damit das Rathaus aus der Reserve zu locken. Die Verwaltung schwieg und schweigt. Wurde sie fündig?

Dürftiger Ersatz

Nicht wirklich. Denn die Besichtigung des ehemaligen Wendler-Areals im Bereich der »Färberei« fiel wohl wenig befriedigend aus. Tonne-Verwaltungsleiter Jürgen Schroeder ist jedenfalls weit davon entfernt, dem unlängst als Ausweichquartier in Augenschein genommenen Objekt Standortvorteile zusprechen zu wollen. Ab vom Schuss, »im hintersten Eck«, eingekeilt zwischen Fitnessstudio und Rockertreff, kann das Wendler-Areal kaum mit der Planie 22 konkurrieren. Mal ganz davon abgesehen, dass die Stadt ordentlich Geld in die Hand nehmen müsste, um akzeptable Rahmenbedingungen für Künstler und Publikum zu schaffen.

»Umfangreiche Umbaumaßnahmen«, sagt Schroeder, wären die fällige Konsequenz eines Umzugs Richtung Echazufer. Unter anderem müssten die Decken komplett erneuert und eine klare Trennung zwischen Zuschauerbereich und Technik geschaffen sowie ein Lastenaufzug installiert werden. »Ich sage nicht, dass das nicht machbar wäre«, betont Schroeder. »Aber billig wird das nicht.«

Hinzu kommt die Realisierung eines in der städtischen Kulturkonzeption festgeschriebenen 300-Personen-Saals, der durch die Umwidmung des Foyer U3 in ein soziokulturelles Zentrum notwendig wird. Eine Erkenntnis, die Reutlingen freilich erst mit Ende des Investorenwettbewerbs ereilte. Ein solcher Saal, Herzstück einer angepeilten »Theaterfabrik«, die zum Beispiel Gastensembles oder Schultheatern buchstäblich Spielraum gewähren soll, könnte auf dem Wendler-Areal nur im ersten Obergeschoss eröffnet werden. »In der Planie ließe er sich ebenerdig einrichten« - was Bühnen-Aufbauten natürlich deutlich erleichtert.

Eingeführt und angenommen

Jürgen Schroeder: »In aller Regel laufen Gastspiele eintägig. Das LTT rückt zum Beispiel vormittags an, tritt auf und fährt spät abends wieder ab« - mit Mensch, Kulisse und Technik. Ein Be- und Verladen des nötigen Equipments im Parterre würde dieses Hin und Her spürbar vereinfachen. Zumal vor dem Hintergrund von jährlich 200 erwarteten Gastauftritten im künftigen »Bespiel-Saal«. Kurz: »Unsere Präferenz liegt eindeutig auf der Planie«, so der Tonne-Verwaltungsleiter, der wohl weiß, dass das ehemalige Heinzelmann-Areal als »eingeführte und angenommene« Spielstätte, optimale Entfaltungsmöglichkeiten für eine »Theaterfabrik« bietet.

Eine Einschätzung, die von der Initiative lebenswerte Oststadt (Ilos) geteilt wird. Deren Aktivisten sind derzeit sehr rührig. Einem Gang durch die sechs Gemeinderatsfraktionen schlossen sich jüngst Gespräche mit Dr. Christoph-Michael Pfefferle, dem Leiter des Amtes für Wirtschaft und Immobilien, sowie dem Chef der Gemeinnützigen Wohnungsgesellschaft (GWG) Karl-Heinz Walter an.

Was da besprochen wurde? Das wird am Montag, 5. März, Gegenstand eines Pressegesprächs sein, wie Ilos-Mitglied Rüdiger Weckmann verrät, der allerdings keinen Zweifel daran lässt, dass sich die Bürgerinitiative nach wie vor für einen Erhalt der Tonne nebst Aufbau einer »Kulturwerkstatt« auf dem Heinzelmann-Areal stark macht. Und zwar bewusst vor einer für Mitte März anberaumten Klausur des Gemeinderats, in deren Verlauf Reutlingens Bürgervertretern vielleicht endlich jene Informationen an die Hand gegeben werden, auf die sie seit über einem Jahr warten.

Über alle Berge?

Womöglich klärt sich dann auch die offene Investorenfrage, werden Ross und Reiter namentlich genannt - so sie nicht über alle Berge davongaloppiert sind. Denn die Befürchtung, dass sich die einstigen Interessenten mittlerweile zurückgezogen haben könnten, bewegt die kommunalpolitischen Gemüter doch ganz erheblich. Mindestens so sehr wie eine Frage, die von Rüdiger Weckmann aufgeworfen wird: »Was bedeutet es eigentlich rechtlich, wenn nach Ende eines Wettbewerbs, also rückwirkend, ein 300-Personen-Saal den Entwürfen hinzugefügt werden muss?« (GEA)