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An die Kandidatin und die Kandidaten zur Oberbürgermeister(in)-Wahl 2019 (pdf-Version)

Die Antworten wurden ohne Korrektur der Rechtschreibung übernommen.
Die Antworten der Kandidatin und der Kandidaten sind in alphabetischer Reihefolge aufgeführt.


A Fragenkomplex Bürgerbeteiligung und Umsetzung, Informationspolitik der Stadt

B Fragenkomplex Charakter der Oststadt erhalten

C Fragenkomplex Verkehrsberuhigung und Umwelt

 

zu A:

Seit über 20 Jahren setzt sich ILOS mit Aktionen zum Wohle der Oststadt ein. In mehreren Bürgerbeteiligungsprozessen, die offiziell qualifiziert und moderiert mittlerweile seit fast 12 Jahren (!) andauern, wurden viele Vorschläge und Ideen von ILOS und der Bürgerschaft eingebracht. Diese erzielten viel Lob und Anerkennung der Verwaltung, sowohl hinsichtlich der Teilnehmerzahl als auch der Qualität der Vorschläge und Ideen.

Zur Umsetzung kam es leider in diesem doch sehr langen Zeitraum nicht. Der Eindruck drängt sich auf, dass die Ergebnisse in den Schubladen der Verwaltung unbenutzt dümpeln.

Die einzige bisherige Ausnahme ist die Umgestaltung der Charlottenstraße zur Fahrradstraße.

Diese wurde isoliert erstellt, ohne Berücksichtigung von einem Gesamtkonzept für Verkehrsberuhigung und Radwegenetz. Mit dem absurden Ergebnis, dass aus einem gut gemeinten Fahrradstraßenprojekt eine neue Bevorrechtigungs- und damit Durchgangsstraße für Autos wurde mitten in einem Stadtteil mit lange erkämpfter Tempo-30-Zone.

Personalmangel in der Verwaltung oder schwierige Beschlusslage im Gemeinderat können bei einem so langen Zeitraum und bereits vorliegenden Ergebnissen von Bürgerbeteiligung nicht geltend gemacht werden.

Durch diesen langen Zeitraum der Untätigkeit und immer neuen Begründungen für Verzögerungen, sowie der äußerst dürftigen öffentlichen Informationspolitik der Verwaltung, fühlt sich ein großer Teil der Bürgerschaft allein gelassen bzw. benutzt und signalisierte ILOS gegenüber sich zukünftig nicht mehr einbringen zu wollen.

Aus diesem mehr als bedauerlichen Umstand ergeben sich unsere ersten beiden Fragen an Sie als OB-Kandidatin/Kandidat:


  1. Was werden Sie tun, um das verloren gegangene Vertrauen der Bürgerschaft an Bürgerbeteiligungsverfahren wieder zurückzugewinnen?

    Cindy Holmberg:
    Ich würde den Bürgerinnen und Bürgern signalisieren, dass mir die Bürgerbeteiligung ernst ist. Der Eindruck, dass sie nur ein Alibi für bereits feststehende Entscheidungen ist, darf nicht begründet sein. Neben den ohnehin vorgeschriebenen Beteiligungsverfahren würde ich auch zusätzliche Beteiligungsverfahren durchführen. Dabei sollen die Beteiligungen möglichst früh beginnen und auch Grundlagen von Entscheidungen beinhalten, so dass es einen möglichst großen Rahmen für Einflussmöglichkeiten der Bürgerinnen und Bürger gibt. Bürgerbeteiligungsprozesse sollen also ein fester Bestandteil sowie ein spezielles Merkmal der Reutlinger Kommunalpolitik werden.

    Carl-Gustav Kalbfell:

    Bürgerbeteiligung ist mir sehr wichtig. Auf meiner Homepage www.kalbfell.net, sind die Bürgerinnen und Bürger um ihre Meinung gefragt. Die Stadtverwaltung darf sich dabei nicht nur aufs Anhören beschränken, sondern muss den Bürgerinnen und Bürgern richtig zuhören und im Rahmen aller Möglichkeiten auch auf sie hören.

    Thomas Keck:

    Das Vertrauen der Bürgerschaft ist für mich das wichtigste Element verlässlicher und zukunftsorientierter Stadtpolitik. Dazu gehört die Beteiligung der Bürgerschaft in Foren, Diskussionsrunden, Vor-Ort-Gesprächen und immer wieder neuen Formen. Dies ersetzt jedoch nicht die Entscheidung, welche der Gemeinderat zu treffen hat. Als Chef der Verwaltung werde ich auch in strittigen Fragen dem Gemeinderat mutige Vorschläge für zukunftsgerichtete Beschlüsse vorlegen.In Fragen der Bürgerbeteiligung sehe ich übrigens Parallelen der Wohnquartiere Reutlingens zur Situation der 12 Bezirksgemeinden. Aus langjähriger Erfahrung als Bezirksbürgermeister von Betzingen weiß ich, dass die Bedürfnisse der Bürgerschaft in den Wohnquartieren – ebenso wie in den Bezirksgemeinden sehr unterschiedlich sind und deshalb auch sehr differenziert und individuell betrachtet werden müssen.
    Die Änderung der Mobilität ist ein Thema in der ganzen Stadt. In vielen Innenstadtvierteln wie am Steinenberg warten die Menschen ungeduldig auf die Umsetzung der Parkraumbewirtschaftung. Hier will ich deutlich schneller vorankommen. Das nötige Personal muss der Gemeinderat zur Verfügung stellen. Auch in der Oststadt sind die Interessen der Bürgerschaft nicht einheitlich, wie sie ja wissen. Deshalb muss im Widerstreit der Interessen ein Kompromiss gefunden werden. Kompromisse sind der Königsweg in der Demokratie. Sie brauchen viele Gespräche und damit Überzeugungskraft. Für mutige Beschlüsse ist deshalb der Gemeinderat gefordert. Dafür werde ich nach Kräften werben. Ich will das seit Jahrzehnten überfällige Radwegekonzept in Reutlingen mit Vorrang entwickeln, den Fußgängern mehr Aufmerksamkeit zukommen lassen und mit der konsequenten Weiterentwicklung des neuen Stadtbuskonzepts und der Regionalstadtbahn die Veränderung der Mobilität voranbringen. Zentral dabei ist auch die Sicherstellung der Finanzierung über die zweijährige Bundesfinanzierung als Modellstadt hinaus. Für mich ist deshalb der Stadtkreis eine ganz wesentliche Entwicklungsfrage für Reutlingen, denn Stadtkreise erhalten eine deutlich bessere Finanzierung als große Kreisstädte. Über den kommunalen Finanzausgleich würde Reutlingen jährlich über 9 Mio. mehr erhalten. Dies Geld käme nicht vom Landkreis sondern aus dem Gesamttopf der Kommunalfinanzierung. Die Region bekäme also insgesamt mehr und viele Entwicklungen in der Stadt wären schneller finanzierbar, auch die Oststadtentwicklung.


    Dr. Christian Schneider:

    Ich möchte Gespräche führen und zuhören. Mir sind die Sichtweisen der Bürgerinnen und Bürger wichtig. Nur so können Konzepte für die Stadt bedarfsorientiert entwickelt werden. Ich möchte die Vorstellungen auch der Bürgerinitiativen in Entscheidungsprozesse einbeziehen und in die Interessensabwägung einfließen lassen, auch wenn ihren Belangen im Ergebnis nicht immer entsprochen werden kann. Wir brauchen sog. nichtförmliche Bürgerbeteiligung. Gute Kommunikation und hinreichende Transparenz bei Entscheidungsfindungen sind für mich wesentliche Grundlagen der Demokratie und der Verwaltungsarbeit in der Stadt. Nur so kann Verständnis für Entscheidungen entstehen.

    Andreas Zimmermann:

    Gute Frage, nächste Frage. Nein, im ernst: Ich kann Ihren Frust durchaus verstehen. Und es trägt auch nicht sehr zur Vertrauensbildung bei mein Verständnis dafür auszudrücken. Ich denke eine funktionierende Kommunikation wäre mal ein guter Anfang.

    2. Haben Sie Ideen/Vorschläge wie die Bürgerschaft ernsthaft und nachhaltiger beteiligt werden kann?

    Cindy Holmberg:

    Anknüpfend an die Antwort zu Frage 1 werde ich Bürgerwerkstätten / Zukunftswerkstätten für wichtige Fragen der Kommunalpolitik veranstalten. Dabei können entweder alle interessierten Bürgerinnen und Bürger teilnehmen. Oder für bestimmte Fragestellungen werden interessierte Bürgerinnen und Bürger ausgelost, die dann gegen eine Aufwandsentschädigung auch längere Zeit Problemlösungen für eine Frage erarbeiten (in Fachkreisen als Planungszelle bekannt). Außerdem werde ich die Idee eines Bürgerhaushalts aufgreifen – dort wird mit Hilfe des Internets eine Schwerpunktsetzung unseres kommunalen Haushalts mit Unterstützung der Bürgerinnen und Bürger erarbeitet. Die Bürgerinnen und Bürger können also darüber abstimmen, wofür die Stadt schwerpunktmäßig Geld ausgeben soll.

    Carl-Gustav Kalbfell:

    Ich stehe für neue Formate der Bürgerbeteiligung wie regelmäßige Veranstaltungen zu wichtigen Themen der Stadtpolitik.Die Einladungen zu Bürgeranhörungen müssen sichtbarer werden. Man muss sowohl durch persönliche Anschreiben sowie Veröffentlichungen in den elektronischen und gedruckten Medien mehrfach darauf hinweisen.

    Thomas Keck:

    Die Beteiligung der Bürgerschaft ist das Eine. Um den Willen der Mehrheit der Bürgerschaft zu erfahren, gibt es eine Palette von Möglichkeiten, die ich hier nicht aufzählen muss. Die entscheidende Frage ist jedoch, wie mit dem Bürgerwillen umgegangen wird. Mein Ansatz ist, die Reibungsverluste im Rathaus zu minimieren. Verbindliche Ansprechpartner im Rathaus, die motiviert und bereit sind, Verantwortung zu übernehmen – so stelle ich mir die Zusammenarbeit zwischen der Bürgerschaft und den Bediensteten im Rathaus vor. Diesen Prozess möchte ich einleiten. Entscheidend ist die Kompromissbildung nach der Bürgerbeteiligung. Der Oststadtrahmenplan ist im Gemeinderat aufgeschoben worden und hat so keine Umsetzung erfahren. Wir brauchen deshalb politischen Mut zur Umsetzung und eine kluge Kompromissbildung zwischen den verschiedenen Interessen in der Bürgerschaft, damit aus Vorschlägen auch Umsetzungen werden. Dazu will ich meinen Teil als Oberbürgermeister beitragen.

    Dr. Christian Schneider:

    Ich möchte ein Bürgeronline-Portal einrichten. Das bietet eine moderne Möglichkeit, sich einzubringen.


    Andreas Zimmermann:

    Ich kann mir sehr gut runde Tische oder Arbeitsgruppen vorstellen an denen die Vertreter von z.B. ILOS und anderen Initiativen und Gruppen, dabei sitzen. Die Vertreter der Initiativen werden über die Vorgänge ihres Anliegens von der Stadt informiert. Die Vertreter ihrerseits müssen dann dafür sorgen, dass ihre Mitglieder diese Informationen auch bekommen. Was heutzutage (Email, WhatsApp, etc.) keine Schwierigkeit sein sollte.

    B Fragenkomplex Charakter der Oststadt erhalten

    Die Oststadt ist geprägt von ihrer bis zu 150-jährigen Geschichte und verkörpert historisch die Entwicklung der mittelalterlichen Altstadt zu einer modernen Industriestadt Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Sie hat sich als Standort von Gewerbe und Wohnbebauung mit großzügigen Gärten und Parks entwickelt und zeigt noch Elemente der „Gründerzeit“.
    Prägend sind die Komplexe der Textilindustrie und die Villen der Fabrikanten und Leitenden Angestellten. Historisch betrachtet prägt diese Epoche das Herzstück des Unikatprofils von Reutlingen. Deshalb gilt es Wesentliches von diesem Charakter zu erhalten und behutsam zu entwickeln. Die Einstufung der Oststadt als Mischgebiet, in dem Arbeiten und Wohnen erwünscht ist, bietet hierzu eine satzungsgemäße Grundlage. Die ILOS sieht jedoch mit zunehmender Sorge, dass der Trend zur Innenverdichtung zu Lasten von Oststadtarchitektur, (Vor)Gärten, Grünflächen und Bäumen geht, dass unsensibel geplante Neubauten den Charakter des Stadtbilds verändern und Gärten immer mehr zu Parkplätzen werden, selbst wenn sie gültigen Bebauungsplänen in Quartieren widersprechen und „illegal“ umgenutzt werden. Mit den im Oktober 2018 verabschiedeten Gestaltungsrichtlinien sind zwar Vorgaben festgelegt, allerdings noch nicht als verbindliche Gestaltungssatzung festgeschrieben worden.


    3. Setzen sie sich für eine verbindliche Regelung ein, die zukünftigen Projektentwicklern und Bauherren eine klare Orientierung zur Erhaltung des Oststadtcharakters bieten?

    Cindy Holmberg:

    Ja, nicht erst jetzt, sondern auch schon früher – auch in meiner Zeit als Stadträtin – war mir die Oststadt als stadtbildprägendes Quartier sehr wichtig. Die historische Dimension als Standort von Gewerbe und Wohnbebauung („Mischgebiet“) möchte ich gerne als Grundlage für eine weitere Entwicklung nutzen. Die beschlossenen Gestaltungsrichtline sollen umgesetzt werden.

    Carl-Gustav Kalbfell:

    Der Oststadt-Rahmenplan ist eine solche Orientierung. Das muss allen Bauwilligen sofort zu Beginn aller Planungsüberlegungen deutlich gemacht werden. Er sollte in regelmäßigen Abständen weiterentwickelt werden.

    Thomas Keck:

    Sie sprechen ein zentrales Stadtthema an. Die Stadt darf ihren Charakter nicht verlieren. Wir stehen im Spagat zwischen Innenentwicklung mit der notwendigen Verdichtung und den Grenzen des Wachstums, denn die Stadt kann nicht beliebig Bauland ausweisen.Trotz der bestehenden Wohnungsknappheit in Reutingen steht für mich außer Frage, dass eine weitere Verdichtung des innerstädtischen Bereichs an ihre Grenzen stößt. Wir brauchen die restlichen Grünflächen dringend als Erholungsraum und Frischluftschneisen. Orientierungspläne mit verbindlichem Charakter können hierbei sicher wertvoll sein. Stattdessen müssen wir also an den Siedlungsgrenzen der Stadt weitere Wohn- und Gewerbeflächen ausweisen – allerdings mit Maß und ohne große Flächenversiegelung. D.h. Eingeschossige Bebauung nur in Ausnahmefällen. Böden sind nicht beliebig vermehrbar.
    Aus meiner Sicht sind die Gestaltungsrichtlinien ein gutes Mittel, um Auswüchse und Fehlentwicklungen zu verhindern und Erneuerungen zu ermöglichen. Die Richtlinien geben den Gebietscharakter vor, welcher ja unterschiedlich ist in der Oststadt. Wenn sich Bauherren nicht an die Richtlinien halten wird der Gestaltungsbeirat eingeschaltet. Sollte sich keine Einigung ergeben, muss die Stadtverwaltung dem Gemeinderat einen Bebauungsplan für das Teilgebiet vorschlagen, um eine Regelung für das Gebiet zu treffen. Damit sind die Interessen der Oststadt gewahrt und Bauvorhaben werden ermöglicht. Ein einheitliches Baurecht ist für die Oststadt nicht möglich. Dies hat ja auch die Diskussion um das geplante Gewerkschaftshaus am Anfang der Kaiserstraße gezeigt.

    Dr. Christian Schneider:

    Wir müssen bei der Baulandentwicklung auch rote Linien ziehen. Ich möchte den besonderen Charme der Oststadt erhalten. Wir müssen uns als Großstadt derart schöne Viertel leisten. Denn sie tagen zur Attraktivität der Stadt maßgeblich bei.

    Andreas Zimmermann:

    Ein klares JA. Ich habe selbst vier Jahre in der Oststadt (Burgstrasse) gewohnt. Da bin ich voll bei Ihnen, dass der Charakter der Oststadt erhalten bleiben muss!


    4. Wie stehen Sie dazu, bei wichtigen Schlüsselprojekten, wie der Industriebrache Planie 22 und der Leonhardskirche, die quartiersbezogenen Bedeutungen einer Nutzung zu definieren und eventuell die Projektentwicklung bei der Stadt zu lassen?

    Cindy Holmberg:

    Ich bin für dieses Vorgehen. Die Projektentwicklung sollte bei der Stadt bleiben und eine Mischung von Arbeiten und Wohnen erreicht werden. Für die Planie 22 ist schon einmal ein Investorenwettbewerb gescheitert, leider wurde jedoch dennoch erneut ein Wettbewerb ausgeschrieben. Unter Beachtung der Beschlusslage des Gemeinderats werde ich mich für eine gute Lösung im Sinne des oben gesagten einsetzen.


    Carl-Gustav Kalbfell:

    Das Planie-22-Areal muss im Sinne der vom Gemeinderat bereits beschlossenen Ausschreibung entwickelt werden. Wenn sich dafür kein Investor findet, muss man diese Aufgabe der GWG übertragen. Bei der Leonhardskirche muss man zusammen mit dem Investor eine für alle Beteiligten tragbare Lösung finden, die zum Beispiel auch das immer wieder geforderte Bürgerhaus oder Haus der Kulturen beinhalten könnte. Hier könnte die Stadt durch das Angebot langfristiger Anmietung das Verfahren wieder in Gang bringen.

    Thomas Keck:

    Die künftige Nutzung der Industriebrache Planie 20 - 22 zählt für mich ganz klar zu einem Schlüsselprojekt, das nur unter Federführung der Stadtplanung weiterentwickelt werden kann. Die Planie 20-22 kann für die Oststadt ein Mittelpunkt gesellschaftlichen Lebens, der Versorgung, der Begegnung und der Entwicklung entstehen. Dabei muss der denkmalpflegerische Rahmenplan und der Nutzungsmix mit Wohnen, Büros, Praxen, Kleinhandwerk, Kunst-Ateliers, Kultur, Handel, Gastronomie und der öffentlichen Bereich im Mittelpunkt stehen. Wie Sie wissen, hat der Gemeinderat, gegen meinen Willen, den Verkauf des Areals beschlossen. Dies ist die demokratische Vorgabe. Auch ein Käufer muss sich an den vorstehend genannten Kriterien orientieren. Der Denkmalschutz ist auch für private Eigentümer bindend. Und das Baurecht liegt in der Entscheidung des Gemeinderats. In diesem Sinne will ich die Sache fördern und ich sehe mich hier ganz auf Ihrer Seite und danke für die Unterstützung.

    Dr. Christian Schneider:

    Das ist im Grundsatz durchaus zu begrüßen. Ob deswegen die Projektentwicklung immer bei der Stadt verbleiben muss, ist eine Frage des Einzelfalls. Die Stadt sollte in jedem Fall bei der Nutzung von Flächen in besonders sensiblen Gegenden mit gewachsenen Strukturen darauf achten, dass Charme und Charakter des Quartiers möglichst erhalten bleiben. Wir brauchen ein städtebauliches Gesamtkonzept. Fläche ist eben nicht gleich Fläche.

    Andreas Zimmermann:

    Zuerst einmal wundert es mich, dass die Leonhardskirche noch nicht abgerissen ist :-)
    Wie ich schon mehrfach bemerkte: Da ich den Eindruck habe, dass es in Reutlingen meist sehr planlos und, zumindest was Neubauten angeht, auch sehr Investoren freundlich zugeht, finde ich es wichtig das Erscheinungsbild eines Stadtteils nicht um des Profitwillens zu verschandeln. Was die Planie angeht, so sehe ich keinerlei Schwierigkeiten Platz für kleinere Unternehmen und Firmen zu schaffen, ohne das Erscheinungsbild schlimm zu verändern.



    Zu C:

    Die vom Gemeinderat beschlossene „Anwendung des Gestaltungsleitbildes Oststadt-Straßenraum“ sieht keinen Umsetzungsplan mit entsprechenden Finanzmitteln vor. „Es soll bei Straßensanierungen bzw. Umgestaltungen, z.B. im Zusammenhang mit Verkehrsberuhigungsmaßnahmen und für Maßnahmen der Leitungsträger zum Ausbau des Fernwärmenetzes bzw. zum Kanalausbau herangezogen werden.“

    Damit wird die vom Gemeinderat beschlossene Verkehrsberuhigung Oststadt, die bis zur Eröffnung des Scheibengipfeltunnels (Okt.2017) hätte erfolgen müssen, weiter auf unbestimmte Zeit verschoben.

    Für die Umsetzung der Verkehrsberuhigung im Zuge des Leitungsausbaus Fernwärme, beschloss der Gemeinderat am 28.01.2016 die Erstellung eines Masterplans, der bis heute nicht vorgelegt wurde. Die Fernwärmeleitungen werden inzwischen zügig verlegt, ohne dass dies mit der versprochenen Straßenumgestaltung verbunden wird.


    1. Setzen Sie sich für einen Umsetzungsplan innerhalb der nächsten 2 Jahre einschließlich der dafür erforderlichen Finanzmittel ein?

     

    Reutlingen liegt an vierter Stelle der Städte mit sehr hoher Luftverschmutzung ( CO2 und Stickoxid) im ganzen Bundesgebiet. Es drohen deshalb aktuell u.a. Fahrverbote. Die Stadt hat einen Masterplan zur Luftreinhaltung aufgelegt. Die Oststadt ist der Stadtteil Reutlingens, der einen extrem hohen, wenn nicht gar den höchsten Grad (bisher nicht gemessen) Luftverschmutzung aufweist. Gleichzeitig verfügt die Oststadt über einen umfangreichen alten Baumbestand, der neben der Optik eine außerordentlich wichtige Bedeutung für die nachhaltige Erhaltung und Verbesserung von Luft hat. Im Masterplan Luftreinhaltung wird diese Bedeutung eklatant unterschätzt, bzw. vernachlässigt. Wir beobachten, dass immer wieder aus verschiedenen Gründen (Alter, Baumaßnahmen, Verdichtungen) große, alte Laubbäume gefällt werden. Nur in einzelnen Fällen werden sie durch neue ersetzt, die aber die Größe und Qualität ihrer Vorgänger, wenn überhaupt, so doch erst in Jahrzehnten erreichen werden.

    Cindy Holmberg:

    Ja, ich halte es für wichtig, dass versprochene und beschlossene Aktivitäten auch tatsächlich umgesetzt werden. Wie ausgeführt ist die Oststadt auch zukunftsfähig zu gestalten. Dies geht nicht ohne Finanzmittel. Dieses Geld ist aber gut angelegt, weil es für eine nachhaltige Stadtentwicklung ausgegeben wird – zum Nutzen der Menschen, die dort wohnen, arbeiten, einkaufen und Dienstleistungen nachfragen.

    Carl-Gustav Kalbfell:

    Ja.

    Thomas Keck:

    Ich kann Ihren Wunsch nach einer rascheren Umsetzung der Verkehrsberuhigung nachvollziehen. Der Straßenraum in der Oststadt ist für Durchgangsverkehr gänzlich ungeeignet.Übrigens trifft diese Feststellung nicht nur auf die Oststadt, sondern mehr oder weniger auf sämtliche Wohnquartiere in der Kernstadt und zunehmend auch in den Bezirksgemeinden zu.Der vorhandene Verkehrsraum kann nicht beliebig vermehrt werden. Wir müssen also umdenken und die Alternativen wie Bus, Bahn, Rad- und Fußgängerverkehr stärken, um den Individualverkehr auf vier Rädern zu reduzieren. Was die Oststadt betrifft wäre es unredlich, hier Versprechungen zu machen. Die Entwicklung muss sich im Rahmen des jüngst beschlossenen Haushaltsplans vollziehen. Er gibt die Mittel vor. Ganz grundsätzlich ist die Koordination zwischen den verschiedenen Entwicklungen wie der Fernwärmeleitung und anderen Leitungsbauten von höchster Bedeutung. Dem will ich als Oberbürgermeister einen Arbeitsschwerpunkt geben.


    Dr. Christian Schneider:

    Das kann ohne hinreichende Kenntnis des aktuellen Sachstands so konkret nicht sinnvoll beantwortet werden. Mir liegt ein Gesamtkonzept für die Mobilität der Stadt am Herzen. Wir dürfen die Oststadt nicht isoliert betrachten. Es steht für mich aber außer Frage, dass Verkehrsberuhigung in bestimmen Quartieren mit hoher Lebensqualität sinnvoll ist. Die Stadt muss aber insgesamt für einen guten Verkehrsfluss sorgen, also sinnvolle Alternativen anbieten können, damit der Verkehr sich nicht seine Ausweichrouten sucht oder im Stau stecken bleibt. Wir brauchen guteVerkehrs- und Verbindungsachsen in der Stadt, die den Verkehr aufnehmen können, um einzelne Quartiere beruhigen zu können.


    Andreas Zimmermann:

    Ja.

     

  1. Welche Bedeutung geben Sie qualitativen Grünflächen und altem Baumbestand (jenseits von Schamrasen und Kirschlorbeerhecken) für Luftreinhaltung und nachhaltiger Stadtentwicklung ?

    Cindy Holmberg:

    Grünflächen und alter Baumbestand sind wichtig für die Luftreinhaltung und nachhaltige Stadtentwicklung. Für mich war dies immer ein zentrales Anliegen. Den bisherigen Umgang mit Bäumen werde ich ändern, sie müssen viel mehr als bisher geschützt werden.

    Carl-Gustav Kalbfell:

    Der Erhaltung des alten Baumbestandes und der qualitativen Grünflächen räume ich große Priorität ein. In Problemfällen will ich für einen Ausgleich der Interessen der Grundbesitzer und der Allgemeinheit eintreten. Gerne möchte ich eine Bundesgartenschau für Reutlingen initiieren.

    Thomas Keck:

    Die großen Gärten und die Parkanlagen sind ein wesentliches städtebauliches Element in der Stadt, welches ich erhalten und pflegen will. Naturnahe Parkanlagen und Grünflächen sind für Insekten und Vögel von großer Bedeutung, gerade in der Stadt. Die Luftqualität und das Stadtklima sind dabei zentrale Aufgabenstellungen. Der einzigartige Baumbestand in der Oststadt muss ohne Frage geschützt werden. Hier hat die Stadt eine Aufgabe in der Umsetzung aber auch in der Information und Diskussion mit der Bürgerschaft. Aber auch Bäume haben nur eine begrenzte Lebenserwartung. D.h., dass im Einzelfall – auch aus Verkehrssicherheitsgründen regelmäßig die Standsicherheit eines Baumes geprüft und notwendige Pflegemaßnahmen eingeleitet werden müssen.

    Dr. Christian Schneider:

    Grünflächen und Baumbestand haben eine hohe Bedeutung – auch für die Hintergrundbelastung der Luft. Ich möchte die Stadt grüner und bunter machen - etwa durch mehr Blumenwiesen. Das tut Natur und Mensch gut. Urban Gardening könnte eine Idee sein und der Stadt ein neues Gesicht geben.

    Andreas Zimmermann:

    Eine sehr hohe. Bäume sind sehr wichtig für die Luft und das Wohlbefinden in einer Stadt. Und wie sie schon richtig bemerkten: Ein junger Baum kann keinesfalls einen alten im Punkto Luftfilterung ersetzen. Zudem werde ich mich, wie auch schon an anderer Stelle kommuniziert, stark dafür einsetzen, dort wo es möglich und sinnvoll ist, Wildblumen zu pflanzen.

  1. Wie beurteilen Sie in diesem Zusammenhang das Instrument einer Baumsatzung ? Werden Sie dem Gemeinderat innerhalb des nächsten Jahres eine Baumsatzung zur Verabschiedung vorlegen?

    Cindy Holmberg:

    Das Instrument einer Baumschutzsatzung ist von großer Bedeutung, um unseren Baumbestand zu schützen. Leider ist diese Chance in der Vergangenheit trotz vorliegender Vorschläge nicht umgesetzt worden. Auch ich selbst habe mich mehrmals für eine derartige Baumschutzsatzung eingesetzt. Für eine Einführung ist es aber nicht zu spät. Ich werde deshalb innerhalb eines Jahres dem Gemeinderat einen Vorschlag für eine Baumschutzsatzung vorlegen.

    Carl-Gustav Kalbfell:

    Eine Baumschutzsatzung kann ein guter Weg zur Erhaltung des alten Baumbestandes sein. Die Entscheidung darüber sollte jedoch reiflich überlegt und nicht übers Knie gebrochen werden.

    Thomas Keck:

    Ich will dem Gemeinderat wirklich zeitnah eine Baumschutzsatzung vorlegen. Sollte die Stadtverwaltung in der Umsetzung personell nicht in der Lage sein, muss die Aufgabe an ein Büro vergeben werden. Kompetenz gibt es hierzu zahlreich. Auch die Einbindung der Umweltverbände in die Entwicklung der Satzung ist für mich dabei essentiell. Eine Baumsatzung kann am Ende nur Garantie dafür geben, dass (Nach-)Pflanzungen an den ausgewiesenen Flächen stattfinden. Die Frage, ob und wie ein alter Baum erhalten werden kann, oder aus Gründen der Verkehrssicherheit gefällt werden muss, kann im Einzelfall nur ein Fachmann beantworten.

    Dr. Christian Schneider:

    Eine Baumsatzung ist flächenbezogen sinnvoll. Ich möchte das daher von Fall zu Fall entscheiden. Wir brauchen grüne Lungen und Luftschneisen in der Stadt, das steht für mich außer Frage.

    Andreas Zimmermann:

    Ich weis es noch nicht. Eine allgemeine Berücksichtigung der Flora und Fauna in der Stadt scheint mir da sinnvoller.