Reutlinger Nachrichten 16.07.2003

BÜRGERBETEILIGUNG / Gemeinderat billigt Studie "Entwicklungspotenziale Innenstadtbereich" (ZIP)Zukunft als Gesamtkuchen gebackenAbsichtserklärung ersetzt aber Bauleitplanung nicht - Bosch: Profil für Reutlingen hat hohe PrioritätEinstimmig hat der Gemeinderat gestern die Studie "Entwicklungspotenziale Innenstadtbereich (ZIP)" gebilligt, mit der eine ganzheitliche Rahmenplanung möglich ist.
PETER ANDEL
REUTLINGEN Mit der ZIP-Studie (über das Thema haben wir ausführlich berichtet) beschloss der Gemeinderat eine Richtschnur zukünftiger planerischer Entscheidungen, einen Baustein der Stadtentwicklung, der freilich, so Baubürgermeisterin Ulrike Hotz, lediglich eine "Absichtserklärung" sei und die eigentliche Bauleitplanung nicht ersetze. Der Rat hat somit nach wie vor bei jedem einzelnen Projekt die Entscheidungshoheit. Für Oberbürgermeisterin Barbara Bosch ist ZIP eine gute Möglichkeit, der Innenstadt ein Profil zu geben. Dies habe für Reutlingen "hohe Priorität." Zu ZIP haben sich vier Arbeitsgruppen gebildet - und die waren fleißig. Die Sprecher Andreas Hartmeier, Paul Rasch, Carolin von Lintig und Willi Schöller stellten gestern - ein Novum im Rat - ihren Ziel- und Maßnahmenkatalog vor, der sich die positive Umkehr der Aussage von Gustav Werner als Motto erkoren hat: "Erst was zur Tat wird, hat Wert." Da geht es um künftige Umnutzungen von Industriebauten zu Wohnraum, um Flächenmanagement, um die Echaz als Freiraum-Rückgrat und um die Entlastung der City vom Verkehr. Die Innenstadt brauche, so das Fazit einer Arbeitsgruppe, wesentlich bessere öffentliche Pflege, um sie wieder attraktiv zu machen. Die städtischen Ämter müssten ein übergreifendes "Kundenbewusstsein" und eine größere Bereitschaft zur Zusammenarbeit entwickeln. Insgesamt 50 Hektar so genannter "Brachen" - ein Wort, das niemand in Rat und Verwaltung so gerne hören wollte, aber es ist kürzer als "Entwicklunspotenziale" - gibts im innerstädtischen Bereich; zum Beispiel das Engel- und Stoll-Areal sowie die Seidenweberei. Selten herrschte so große Einigkeit im Gremium. Dieter Weinmann (BMR) meinte, nichts sei so veränderlich wie der Wandel. Durch Firmenaufgabe seien Freiräume entstanden, die eine Chance böten, diese Areale sachgerecht zu nutzen. Allerdings warnte Weinmann davor, die Sache "zu eng" zu ordnen, es gehe nur darum, die Rahmenbedingungen zu schaffen. Edeltraut Stiedl (SPD) erkannte viel Bürgerengagement und Kompetenz bei den vier Arbeitsgruppen, die eine Studie erstellt hätten, die nichts für die berühmte Schublade sei, sondern mit der alle, Rat und Verwaltung, arbeiten könnten. Christoph Joachim (Grüne) sprach gar von einem "Meilenstein", der einen Blick über den Tellerrand erlaube. Mit einem Schlenker auf die etwas rigidere Handhabung durch den früheren Rathauschef sagte Joachim: "Es ist schön, dass die Verwaltung dieses Bürgerengagement aufnimmt." Für Rainer Löffler (CDU) war entscheidend, dass jetzt konkret werde, was Investoren und die am Bau Beteiligten längst angemahnt hatten - Bürgerbeteiligung. Nicht die Betrachtung der einzelnen Brachen, sondern die Gesamtschau, wohin die Entwicklung gehen könnte, sei wichtig. Und Reutlingen sei willens, etwas zu tun. Agnete Bauer-Ratzel (FFL) sprach von einer neuen Qualität der Stadtplanung. Da werde für die Zukunft ein "Gesamtkuchen gebacken." Und Ursula Menton (FWV) ergänzte: "Hoffen wir, dass wir in naher Zukunft zum Zuge kommen." Hagen Kluck (FDP) indes traute dem "hohen Lied der Bürgerbeteiligung" nicht so recht. Wenn der Bürger das Gefühl habe, die Sache verläuft im Sande, dann solle er sich energisch zu Wort melden.

Erscheinungsdatum: Mittwoch 16.07.2003